Wolfgang - Aus Liebe zum Hören

7. DCIG Fachtagung 2021

Mit dem CI durchs Leben: Veränderungen, Umbrüche, Wandel

Schon zweimal musste die DCIG-Fachtagung verschoben werden, aber am Wochenende vom 29. und 30. Oktober 2021 war es in Hamburg endlich so weit: „Mit dem CI durchs Leben: Veränderungen, Umbrüche, Wandel“ (von der Geburt bis zum Ruhestand) war das Motto, es versprach ein interessantes Programm – und vor allem freuten wir uns gemeinsam mit rund 100 Teilnehmern auf das Wiedersehen nach dieser doch ziemlich langen Zeit.
HIer der Bericht eines Teilnehmers.

Natürlich bot die Fachtagung, die in den Räumen der Katholischen Akademie stattfand, auch genügend Raum für Gespräche und Treffen mit alten und neuen Bekannten, was nach dieser langen Präsenzpause wirklich guttat. So präsentierte sich das Foyer in den Tagungspausen als Treffpunkt und Infoquelle bei den anwesenden Ausstellern.
Im hörtechnisch gut ausgestatteten Hörsaal begrüßte uns Tagungsleiter Dr. Roland Zeh, Präsident der DCIG, mit einleitenden Worten. Eine schöne Videobotschaft wurde uns von Dr. Eckhart von Hirschhausen übertragen: Er präsentierte Jette, die von ihrem Leben mit dem CI berichtete. Hirschhausen: „Falls es bei mir mit dem Hören mal schlechter werden sollte, kann ich dem gelassen entgegensehen, da ich hautnah erlebt habe, welchen Fortschritt und Teilhabe medizinische Entwicklungen wie die Cochlea Implantate in unserer Gesellschaft ermöglichen.“

Jürgen Dusel, Schirmherr der Fachtagung und Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, beschrieb nach einer Würdigung der DCIG für ihr Wirken die Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal für ein modernes Land – es sei „cool“, in einem Land mit möglichst wenig Barrieren zu leben.
Per Video live zugeschaltet berichtete Dr. Günter Beckstein, ehemaliger bayrischer Ministerpräsident und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der DCIG und der Schnecke, von seinem Weg zum Hörgeräte- und CI-Träger und welche Hürden es dabei zu überwinden gab: „Ohne CI hätte ich mein Leben nicht so führen können.“ So können wir sicherlich auch seinen Appell nur  unterstützen: „Schauen Sie nicht so sehr darauf, wie es aussieht, ein Hörgerät oder ein CI zu tragen. Weitaus wichtiger ist, dass Sie besser damit hören!“

Von klein auf

Die Vortragsreihe wurde von Prof. Dr. Katrin Neumann vom Universitätsklinikum Münster sowie WHO-Sachverständige für Hörscreenings eingeleitet: Sie berichtete vom Erfolg des Neugeborenen-Hörscreenings, aber auch von den Schwierigkeiten des Personals beim Interpretieren der Ergebnisse. Das Diagnosealter ist verjüngt von zwei Jahren auf durchschnittlich vier Monate: „Damit kamen wir in eine Zeit hinein, in der das Hörgehirn und die Hörnervenbahnen einer Therapie noch optimal zugänglich sind.“ Die Eltern wünschen sich „schnelles Handeln, unvoreingenommene Informationen hierzu und Kontakt zu anderen Eltern“.
Prof. Dr. Maria Schuster von der LMU München berichtete von der Zeitnot, die nach der Diagnose einer Hörschädigung bei Kleinkindern bestehe, was die Weiterbehandlung und -versorgung betrifft.

Nach einer kurzen Pause berichtete Stefanie Töle vom Landesförderzentrum Schleswig: Sie kritisierte die mangelnde Kommunikation zwischen Eltern und ihren hörgeschädigten Kindern, da diese „eh nicht hören“, was jedoch falsch sei. Trotzdem sprechen oder auf andere Arten der Kommunikation ausweichen, weil dies für die Entwicklung des Kindes wichtig sei. Neben gehörlosen Kindern, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist, können auch CI-versorgte und schwerhörige Kinder die Gebärdensprache lernen und Hausgebärdensprachkurse über die Teilhabe beantragt werden. Über diese Fördermöglichkeiten informierte Tamara Gierend vom Niedersächsischen Institut für die Gesellschaft Gehörloser und Gebärdensprache.
Auch Prof. Dr. Vanessa Hoffmann von der HAW Hamburg schloss sich dem an, denn für den Spracherwerb von CI-Kindern sei zudem die Qualität der elterlichen Sprache wesentlich und deshalb müsste die Eltern-Kind-Interaktion entwicklungsbegleitend optimiert werden.
Der Vortrag von Björn Ernst handelte von seinem als Säugling an Meningitis ertaubten Sohn Jakob, der nach seiner CI-Versorgung wieder viele akustische Dinge entdecken konnte. Hier galt sein Ratschlag, sich nicht auf das Briefeschreiben und Formulareausfüllen zu beschränken, sondern direkt mit den zuständigen Mitarbeitern zu sprechen, wenn es beispielsweise um bauliche Veränderungen in der Schule geht.
Nach den Laudationes, u. a. die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der DCIG an Hanna Hermann du Prof. Roland Laszig, ging der erste Seminartag ging dem Ende zu.

Mit Spannung und Vorfreude begann der Abend der Begegnung, oben über den Dächern Hamburgs im Panoramaraum. Dort erwartete uns nicht nur ein großes Buffet, sondern ein besonderes Highlight: Pantomime mit JOMI! Josef Michael Kreutzer bot nicht nur eindrucksvolle Pantomime. Auch wir, das Publikum, wurden luftgitarrend und auch sonst sehr erheiternd in seine – in diesem Rahmen doch nicht ganz so stille – Performance einbezogen. Wir hätten bis weit in die Nacht weitermachen können, so viel Spaß hat es uns allen gemacht, freilich auch deshalb, endlich einmal wieder zusammen einen tollen Abend verbringen zu dürfen.

Schulzeit

Am zweiten Seminartag ging es mit Vorträgen rund um die Schulzeit weiter. Pascal Thomann vom CIV Nord hatte zum Interview eingeladen: Die elfjährige Elsa Petersen und der zwölfjährige Jim Unser gaben interessante Einblicke in ihren Schulalltag. Sowohl Jim als Besucher einer Hörgeschädigtenschule als auch Elsa, Schülerin einer Regelschule, berichteten von positiven Erfahrungen.
Sehr interessant war auch die Schilderung von Oberstufenschülerin Zoé Schröder. Sie wurde zehn Jahre von einer Beratungslehrerin betreut. Hierbei ging es um die Akustik in den Klassenzimmern und die Aufklärung der Lehrkräfte über die Auswirkungen einer Hörbeeinträchtigung. Für den Fortbestand der Förderschulen macht sich Bernd Günter von der Landesschule für Gehörlose und Schwerhörige (LGS) Neuwied stark, ebenso wie Friedrich Erdmann-Barocka von der Johannes-Wagner-Schule in Nürtingen. Ein „Marktplatz an Angeboten“, also Workshops, die Kompetenz verleihen und Impulse zum Umgang mit der eigenen Hörbeeinträchtigung bieten, wäre sein Wunsch. 

Ausbildung und Studium

Jan Röhrig und Tilmann Stenke ließen uns nach der Pause in ihre Zeit an der Hochschule blicken. Tilmann nahm den Integrationsdienst eher als bürokratische Hürde wahr, während Jan ergänzte, man müsse sich selbst zum Experten machen, er habe auch unter den Mitstudierenden schnell Anschluss gefunden. Tilmann hingegen fiel das etwas schwerer, er wechselte dann auch zu einem dualen Studium.  
Als die politische Referentin der DCIG, Annalea Schröder, ins Berufsleben einstieg, verdrängte sie ihre Hörschädigung noch. Daher fiel es ihr schwer, auf die kommunikativen Probleme aufmerksam zu machen. Die Selbsthilfe habe ihr essenziell zu ihrer Lernkurve geholfen: „Wenn die Identität klar ist, kann man viel stärker für seine Bedürfnisse einstehen.“
Dr. Oliver Rien, SRH Heidelberg, sprach über neue berufliche Wege und Umschulungsmöglichkeiten, als mögliche Lösungen zählte er auf: Zusatztechnik zu nutzen, mit der eigenen Beeinträchtigung umgehen, sich über Ansprüche und Gesetze kundig machen und zu guter Letzt Selbstmanagement und Mut.

Im Beruf

Dass die Schriftdolmetschung die Kommunikation am Arbeitsplatz erleichtern kann und welche Möglichkeiten hier bestehen, erläuterte Carmen Hick sehr anschaulich. Beispiele zeigten deutlich, dass eine automatische Texterkennung hier an ihre gremezn stößt.
Ein weiteres Projekt, der „Joblotse“ in Leipzig, möchte Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt bringen, so Ira Kummrov von der BBV-Leipzig-Gruppe.
B
eeindruckend war der Vortrag des selbstständigen Beraters Rudolf Eckmüller aus Bayern: Sein Weg, offen mit dem zunehmenden einseitigen Hörverlust umzugehen, führte ihn sehr schnell zum CI. Jetzt, ein Jahr nach der Operation, habe er seine Einschränkungen meistens im Griff. 

Im Ruhestand und Fazit

Das nun folgende Thema kennen wir alle: Kommunikation mit maskentragenden Menschen, was auch zur Isolation schwerhöriger Menschen führen kann. So beschrieb Peter Drews vom Bund der Schwerhörigen Hamburg eindringlich die Notwendigkeit von Internetanschlüssen und der Vernetzung Hörgeschädigter. Eindringlich bat er um Unterstützung der nicht so technik-affinen durch andere Mitglieder der Selbsthilfe. Im Anschluss sprach sich Pflegedienstleiterin Katja Drews für eine barrierefreie Pflege aus, dazu gehören auch Informationen über Hörschädigungen und Hilfsmittel für Pflegekräfte.
Den Abschluss der Vorträge bestritt Prof. Dr. Robert Perneczky von der LMU München zum Thema Demenz. Zu diesem Thema wurden inzwischen Zusammenhänge zwischen einem unbehandelten Hörverlust und der Demenz erforscht, wusste er zu berichten.

Insgesamt war es interessant und äußerst wissenswert, an solch einer lebhaften Fachtagung, die sich thematisch über die gesamte Lebensspanne hinweg bewegt, teilzunehmen. Pandemiebedingt waren ein paar Referenten online zugeschaltet – eine Herausforderung für die Veranstaltungstechnik, was aber hervorragend gelang.
Auch unser Miteinander wurde wieder erfrischt und gestärkt und so kann man sich den Worten „Es war einfach schön, dass wir uns wieder treffen konnten“, ausgesprochen von Tagungsleiter Dr. Roland Zeh, gerne anschließen.
 

Rainer Pomplitz

 

Schnecke Artikel

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Stimmen

und Meinungen

Jürgen Dusel, Schirmherr der Tagung

Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal für ein modernes Land.

Prof. Dr. Maria Schuster, LMU München

Nach der Diagnose „Hörschädigung“ bei Kleinkindern sitzt uns aus ärztlicher Sicht immer die Zeit im Nacken.

Friedrich Erdmann-Barocka, Johannes-Wagner-Schule Nürtingen

"Ich wünsche mir einen „Marktplatz an Angeboten“ für die Hörgeschädigtenschule der Zukunft."

 

Jan Röhrig, Tilmann Stenke

"Wir mussten in Studium und Ausbildung selbst zu Experten für Unterstützungsangebote werden"

 

Rudolf Eckmüller

"Irgendwann muss man im Berufsleben sagen: Schluss, ich lebe mein Leben und akzeptiere meine Grenzen.

Jürgen Drews

"Wir brauchen Internet in Seniorenheimen, gerade in Zeiten der Pandemie."